Nächtliche Gefahren

Viele Autofahrer fühlen sich bei Fahrten in der Dunkelheit unsicher. Das Phänomen Nachtblindheit wird jedoch vielfach unterschätzt - mit oft fatalen Folgen.

Nachts sind alle Katzen grau - diese Redewendung stimmt tatsächlich: Durch Anpassung des Auges an den geringen Lichteinfall erscheinen die Gegenstände in der Dämmerung unschärfer und kontrastärmer, bis schließlich im Dunkeln nur noch Zwischentöne von Schwarz und Weiß zu erkennen sind. Doch für etwa zehn Millionen Deutsche sind vor allem die frühen Abendstunden grau: Diese Menschen leiden unter einem Nachtsichtproblem. Das häufig als "Nachtblindheit" bezeichnete Phänomen macht vor allem den motorisierten Verkehrsteilnehmern zu schaffen. Fußgänger, Laternenpfähle und Radfahrer werden zu einer verschwommenen Masse aus Hell- und Dunkeltönen. Die aufgeblendeten Scheinwerfer entgegenkommender Fahrzeuge verschärfen die Situation zusätzlich.

Die Folgen davon lassen sich an Unfallstatistiken ablesen. Obwohl 75 Prozent aller Wegstrecken tagsüber zurückgelegt werden, ereignen sich knapp 50 Prozent der tödlichen Verkehrsunfälle auf deutschen Straßen in der Nacht. Bei den Ursachen spielen Sehschärfe und Akkomodationsfähigkeit der Augen eine ebenso große Rolle wie das Dämmerungssehen und die Blendempfindlichkeit. Die Symptome der mangelhaften Nachtsichtigkeit gehören in jedem Fall zu denen, die am häufigsten verkannt werden. Studien des Berufsverbands der Augenärzte zeigen immer wieder, dass die Selbsteinschätzung des eigenen Sehvermögens in vielen Fällen ganz und gar nicht mit dem tatsächlichen Sehvermögen in Einklang zu bringen ist.

Die "echte" Nachtblindheit (Nyktalopie) kommt jedoch relativ selten vor. Dabei handelt es sich um eine angeborene oder durch Erkrankung der Netzhaut und des Sehnervs erworbene Funktionsstörung der Stäbchen bestimmter Sinneszellen im Auge. Obwohl die Betroffenen tagsüber normal sehen, sind sie bei Dunkelheit weitgehend hilflos. Für diese Menschen gilt: nachts die Hände weg vom Steuer!

Handelt es sich um ein "Nachtsichtproblem", dann ist das Krankheitsbild nur unvollständig ausgeprägt: Während sich ein gesundes Auge rasch auf den Wechsel zwischen Hell und Dunkel einstellt und sich nach einer gewissen Zeit (bis zu 30 Minuten) komplett auf Dunkelheit eingestellt hat, dauert dies bei Menschen mit Nachtsichtproblemen wesentlich länger. Eine gründliche Ursachenforschung - möglicherweise sind ein Vitamin-A- oder Zink-Mangel verantwortlich - und eine geeignete Therapie können für den Betroffenen Erleichterung bringen.

Gegen altersbedingte Sehschwäche bei Dämmerung gibt es hingegen keine Hilfe. Bereits ab einem Alter von 40 Jahren nimmt die Sehleistung bei anbrechender Dunkelheit erheblich ab. Daher sollte nach Aussagen des Augenarztverbandes gut ein Drittel aller über 60-Jährigen aufgrund ihrer mangelnden Sehfähigkeit nachts kein Fahrzeug mehr führen.

Einige Autohersteller bieten inzwischen zwar integrierte Nachtsicht-Technologien. Doch diese von den Fabrikanten so genannten "Night-Visionen" verstehen sich keineswegs als Allheilmittel gegen organisch bedingte Sehschwierigkeiten. Das eigene Sehvermögen bleibt letztlich unverzichtbar.

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